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Das Wohnzimmer machte einen verlassenen Eindruck, es schien monatelang von niemandem mehr betreten worden zu sein, als Smelnikov die Tür aufstieß. Instinktiv ging er zum Fenster und riß es weit auf, worauf eine kühle Flut frischer Luft sich mit dem abgestandenen Rauch im Zimmer zu vermischen begann. Sie drang unter das grüne Plüschsofa, den Haufen zerknüllter Zeitungen auf dem kleinen Tisch vor dem Sofa, in den braunen Porzellanaschenbecher, die leeren Flaschen, nichts verschonte sie. Am wenigsten Smelnikov, der nun an letzte Nacht denken mußte. Schon beim Anblick der Zeitungen auf dem Tisch hatte ihn ein Gefühl der Unsicherheit beschlichen, welches sich nun mehr und mehr zu verstärken begann. Seine Finger ertasteten die Schachtel Zigaretten unter dem Haufen.

Smelnikow zweifelte an seiner Entscheidung. Das wußte er und hatte auch nicht eine Sekunde versucht sich etwas vorzumachen. Wie konnte er auch anders als zweifeln. Es lag im Charakter des Spiels. Die Anspannung ließ nach den ersten Zügen an der Zigarette nach, ohne jedoch einen Zustand zu erreichen, den man als normal bezeichnen konnte. Dafür war der Einsatz diesmal zu hoch. Das Kaffeewasser kochte. Wann hatte er es aufgesetzt? Smelnikov grub sich behäbig aus dem Sofa, um sich seine kurzen Locken kratzend in die Küche zu begeben. Beim Dosieren des Kaffeepulvers bemerkte er das Zittern seiner Hand. Er mußte nicht auf die Uhr sehen, um zu wissen, dass andernorts die Vorbereitungen bereits in vollem Gang waren. Das Klingeln des Telefons ließ ihn den Kaffee verschütten.
"Nein ich komme nicht mit. Das habe ich Dir doch gestern schon gesagt. Ja, Bluebird ... nein, verdammt, ich bin nicht sicher." Ärgerlich knallte er den Hörer auf die Gabel und schlurfte zurück in die Küche.
"Viel zu stark" entfuhr es ihm, mit der Kaffeetasse in beiden Händen an der Türschwelle des Zimmers stehend. In diesem fanden sich neben dem Sofa und dem kleinen Tisch noch ein großes Bücherregal aus dunkler brauner Eiche, auf dem eine Reihe von Bierkrügen stand, ein grauer ausgetretener Teppich, drei wahllos herumstehende Stühle, von denen einer mit einem Berg von Kleidungsstücken bedeckt war, und ein Fernseher. Auf letzterem beziehungsweise auf dem darauf stehenden Bild blieb sein Blick haften. In silbernem Rahmen lächelten ihm seine Frau und die beiden Kinder entgegen, ein Anblick, der ihn normalerweise aufheiterte und Mut gab. Heute erinnerten sie Smelnikov nur an seine Verantwortung und wie er im Augenblick damit umging. Er drehte das Bild zur Wand, nahm einen kleinen bitteren Schluck, starrte erneut im Zimmer herum, noch immer vor dem Fernseher stehend, den Kopf etwas vorgereckt.

Auf den zum Fenster hin gewandten Stuhl setzte sich wie selbstverständlich ein breiter Rücken in einem dunklen Anzug. Der Mann, dessen Kopf im Licht des Fensters nur schemenhaft erkennbar war, rief mit Mikrofonstimme zum Fenster hinaus:
"Letzter Aufruf zum zweiten Rennen. Die Pferde gehen in der Südkurve in Position." Der schrille Pfeifton des Mikrophons, wie er bei Rückkopplungen verursacht wird, brachte das Bild zum Platzen. Am Fenster stand nur noch der vertraute Stuhl. Smelnikov spürte den Henkel der Tasse in seinen Händen und besah sich verständnislos einen braunen Fleck auf dem grauen Teppich. Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Vom Sofa aus fixierte er eine Reihe Bücher im Regal. Sie standen gleichmäßig, exakt geordnet. Doch eine unwirkliche Bewegung vervielfältigte sich in den Bücherrücken. Zu Beginn kaum wahrnehmbar, dann deutlicher wurden die Bilder der Pferde, die in jedem erkennbaren Rechteck aufgeregt zappelten und jeweils von einem Reiter besänftigt wurden. Smelnikov ergriff die Tasse, in der noch etwas kalter Kaffee war und warf nach der Erscheinung. Sie krachte auf eine Bücherreihe, spritze dunkelbraune Flecken, zerschellte am Boden, gab den Startschuß. Das Knäuel formierte sich zu einer länglichen Traube, in der sich auch Bluebird befand. Der Favorit, Black Thunder, führte das Feld in die erste Kurve. Der weiche Boden kam ihm zugute und ließ kleine Erdklumpen der Rennbahn hinter die Pferde zurückfliegen. Die zweite Kurve näherte sich. Das Publikum konnte die Konkurrenten nun mit bloßem Auge deutlich erkennen. Sie sahen, wie die ersten Reiter ihre Pferde mit Gewalt voranzutreiben begannen. Unermüdlich sauste die Gerte auf die Tiere. Smelnikov saß inmitten des Feldes, die Schenkel mit aller Kraft um die Lehne des Sofas gepreßt, schweißnaß, alle Muskeln seines Körpers angespannt. Bluebird schob sich nach vorn. Er mußte sich einfach nach vorn schieben, Zentimeter um Zentimeter. Der Raum verwischte vor Smelnikovs Augen zu einem langgezogenen Bild, das am Rand seines Blickwinkels in ein Meer von vorüberziehenden Streifen mündete. Unter ihm pulsierte ein unbändiger Organismus, den die Zuschauer nur erahnen konnten. Drei Pferde hatten sich der Zielgeraden abgesetzt und schienen das Rennen unter sich auszumachen. Smelnikov fühlte, daß er jetzt auf keinen Fall ermüden durfte. Sein Wille mußte härter, entschlossener, ausdauernder sein als der seiner beiden Kontrahenten. Das Ziel flog heran, Bluebird konnte sich außen etwas absetzen, die Menge johlte, auf dem Stuhl saß wieder der breite Rücken und kommentierte mit überschlagender Stimme, es müßte reichen, ein letzter aufbäumender Spurt, ein Sprung, es klingelte. Langsam entkrampften sich Smelnikovs Hände, welche sich tief in den Stoff des Sofas eingegraben hatten. Die Ziellinie machte schlagartig der Fensterbank Platz und Smelnikov begriff, wo er sich befand. Er nahm den Hörer ab.
- "Alles klar", tönte die Stimme vom anderen Ende.
- "Was soll klar sein, das Rennen ist doch noch gar nicht zu Ende," erwiderte Smelnikov.
- "Das hättest Du wohl gern," lachte der andere, "vor vier Stunden hat Thunder die Trophäe eingesackt. Von Bluebird war nichts zu sehen."

Smelnikov bemerkte durch das Wohnzimmerfenster die bereits tief am Himmel stehende Sonne. Ohne zu antworten, ließ er den Hörer langsam zu Boden gleiten. Ein Ruck ging durch seinen Körper, und mit einem gewaltigen Sprung kam er wieder auf der Lehne des Sofas zum Sitzen. Seine Augen glänzten wirr, Hoffnungslosigkeit begann sie zu trüben. Der Vorsprung der beiden anderen war inzwischen beträchtlich angewachsen. Es war unmöglich, sie noch vor dem herannahenden Ziel einzuholen. Andererseits schien dieses sich jetzt wieder leicht zu entfernen. Smelnikov fasste Mut, gab alles und tatsächlich kam es ihm so vor, als würde er sich kaum merklich an die Spitze herankämpfen können, Zentimeter um Zentimeter.

c Bernd