LIPOLA
In einem unbekannten fernen Land, so fern, daß man es nur vom Hörensagen kennt, lebte einst der Zauberer Lipola Lopamba oder wie seine Freunde ihn nannten: Lilo. Doch wir kennen ihn noch nicht so gut und werden deshalb vorerst noch beim Lipola bleiben. Der ein oder andere kann das natürlich gedanklich für sich jederzeit ändern. Dieser Lipola also war weder gut noch schlecht. Er lebte so in den Tag hinein, ging mal um sein kleines Häuschen spazieren, stetzte sich auf die kleine Bank vor seinem Haus, schaute durch bunte Glaskugeln fasziniert den Farben des Lichts entgegen, kochte sich mal ein leckeres Süppchen oder lauschte den Botschaften der Vögel. Mit anderen Worten die meiste Zeit lanweilte er sich. Oft schon hatte Lipola überlegt wieder ein wenig mit der Zauberei anzufangen, es dann aber wieder bleiben lassen. Nicht, daß ihn die Zauberei Energie gekostet hätte, nein das war es nicht. Vielmehr wußte er nicht was er zaubern sollte. Für viele mag das unvorstellbar klingen, gibt es doch so viele Dinge die man sich erzaubern könnte. Selbst mir fallen auf der Stelle tausend Sachen ein, die allerdings nun wirklich nicht hierhergehören. Der Zauberer Lipola aber dem viel rein gar nichts ein. Dabei muß man bedenken, daß er schon lange Zauberer war. Er hatte früher wahrscheinlich öfter gezaubert als Zähne geputzt. Früher da war auch noch alles ganz neu für ihn. Mit achtzehn hatte ihn sein Vater zur Seite genommen und gesagt: " Höre Sohn", so begann er damals immer wichtige Gespräche. Lipola hatte daher damals befürchtet er werde umständlich aufgeklärt, über Mädchen und so was. Aber der Vater fuhr zu seiner Überraschung fort: " was ich Dir jetzt sagen werde, wird dich erfreuen. Doch versprich mir auch die Verantwortung zu tragen, die damit verbunden ist." Der Vater sah Lipola auffordernd an. Der verstand kein Wort und nickte. " Du mein Sohn hast die Kraft der Magie. Du mein Sohn kannst Zaubern. Probier es aus und wünsch Dir etwas, ohne es auszusprechen. Gleichzeitig nimm die rechte Hand und zieh dir damit kurz an deinem linken Ohrläppchen. Dann nimmst du die linke Hand und ziehst an deinem rechten Ohrläppchen." Als Lipola dies getan hatte, füllte sich der Raum mit einem tosenden Gegröle. Die Stimme des Kommentators war vor Heiserkeit kaum noch zu Hören. Dehland, so hieß das ferne unbekannte Land in dem Lipola wohnte, führte im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft mit Zwölf zu Null gegen England. Der Vater hatte darauf erbost den Fernseher abgeschaltet und Lipola an die versprochene Verantwortung erinnert. Ab diesem Tag, Dehland gewann übrigens auch das Finale gegen Holland mit Acht zu Null, begann für Lipola ein ganz neues Leben. Er wünschte sich einen Zapfhahn an seinen Kühlschrank aus dem immer kühles Radelberger Bier lief und durchlitt mit seinen Freunden, die schnell mehr wurden, alle zwei Monate eine Fußballweltmeisterschaft, die Gott sei Dank immer mit dem besseren Ende für Dehland ausging. Nach den Finalspielen fuhren sie mit den neusten Autos um die Wette, Autos die nicht mit Benzin fuhren, sondern die Energie durch das Herausfiltern der Schadstoffe aus der Luft gewannen. Lipola hatte für diesen Motor das Patent eingereicht. Denn er konnte neben dem Feieren auch noch blitzgescheit denken. Er stand bei den Proffessoren der Universitäten, die er besuchte, hoch im Kurs. Oft schlossen sie sich seinen verrückten Unternehmungen an nur, um seine Meinung zu diesen oder jenen wissentschaftlichen Themen zu erfahren. Meist war es dann nur ein kleiner beiläufiger Kommentar Lipolas auf einer Segeljacht in mitten von zwei oder drei Schönheitsköniginnen oder Modells, in einem Spielkasino beim einstreichen der Plastikchips, auf einer Safari, beim Skifahren mit Freunden oder einfach, wenn er auf der Pferderennbahn seine Tiere anfeuerte. Ein kleiner Kommentar, der jedoch ein ums andere Mal für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert war. Es war also selbstverständlich und nur eine logische Folge, daß Lipola bereits mit dreiundzwanzig Jahren an allen Universitäten des Landes ganz ohne Zauberei Ehrendoktor wurde. Er war der Stolz der Nachbarschaft, die immer aufs Neue darüber verwundert waren, wie selten Lipolas Eltern ein gutes Wort über den Jungen verloren. "Ja für ihn ist es wahrlich eine schöne Zeit", seufzten sie häufig," wenn er nur öfter zu Hause wäre." Und die Mutter war trauig, daß sie nicht einmal mehr seine Wäsche waschen konnte, denn zum einen gab es jetzt viele Frauen, die den Anspruch erhoben Lipolas Sachen zu waschen und zum anderen kamen auch viele Leute, die die alten Sachen der Mutter abkaufen wollten. Für Summen bei denen wohl jeder schwach geworden wäre. Nach und nach lernte Lipola es den Genuß zu steigern, indem er die Zauberei sparsamer einsetzte. Dies hatte zudem den Vorteil, daß es seine Ohrläppchen schonte, die inzwischen vom vielen Zupfen schon ziemlich ausgeleiert waren. So ging er auch manchmal ganz normal abends aus und versuchte beispielsweise Mädchen zunächst einmal einfach so kennenzulernen. Nachdem er dann wie immer mehrfach abgewiesen wurde, schon wegen seiner langen Ohren, genoß er es dann um so mehr, wenn sich alle weiblichen Augen nur noch auf ihn konzentrierten. Er genoß es sein Bier an der Bar zu trinken, um ab und an einmal aufzublicken, wer sich auf den freien Hocker neben ihn gesetzt hatte. Er genoß es mit anzuschauen, wie Mädchen, die eben noch in tiefster Harmonie mit ihrem Freund Hochzeit, Kinder, Zukunft planten, nun nur noch gebannt zu Lipola schauten, von dem einzigen Wunsch beseelt neben ihm sitzen zu dürfen. Er genoß das kollektive Aufatmen im Raum, wenn er mit einem Fingerzeig Platz auf dem Hocker neben sich schafte. Er genoß es sich dann mit seiner Auserwählten stundenlang über Fußball und Biersorten zu unterhalten, ohne daß diese nur im geringsten den Versuch wagte dem Thema eine andere Richtung zu geben und er genoß auch alles andere. Wie diese schöne Zeit endete vermag niemand zu sagen, am wenigstens wohl Lipola selbst. Irgendwann muß er, was für uns natürlich nicht nachvollziehbar sein kann, der Zauberei überdrüssig geworden sein. Er zauberte immer seltener und wurde dafür immer nachdenklicher. Eines Tages kam es sogar so weit, daß er vier Jahre auf die Fußballweltmeisterschaft wartete, obwohl ihn seine Freunde, die seine Veränderung mit Besorgnis bemerkten, oft dazu gedrängt hatten dem Ereignis auf die Sprünge zu helfen. Als dann Dehland auch noch in der Vorrunde ausschied, kehrten sich einige von ihm ab. Nur eine Hand voll blieb Lipola treu nicht zu letzt wegen des Bierhahns am Kühlschrank in der Küche. An einem geselligen Abend muß es dann passiert sein. Lipola äußerte den für lange Zeit letzten Wunsch. Einer seiner Freunde hatte ihn über den Busen des Mädchens, was er auf dem Schoß hatte, hinweggefragt: "Lipola was ist los? Worüber denkst Du nach?" Zuerst wollte Lipola ausweichen und sein Glas erheben. Doch das hatte er schon zu oft getan. Nein diesmal wollte er selber wissen was mit ihm los war und wünschte sich eine intelligente Antwort auf die Frage des Freundes. Geschwind waren die Ohrläppchen gezupft, für die die ihn kannten nichts weiter als eine liebevolle Angewohnheit, als es auch schon aus Lipolas Mund geschoßen kam: " Ich denke über den Sinn des Lebens nach."
Das hinterließ Eindruck. Für Lipola selber war es im ersten Moment eher ein lustiges Gefühl, da er quasi den Mund wie ferngesteuert bewegt hatte. Erst allmählich verstand er den Inhalt dessen was er da gesagt hatte und er begann schließlich intensiv zu grübeln. Immer mehr vertiefte er sich in die Frage nach dem Sinn des Lebens. Seine Umwelt nahm er nur noch wahr, wenn er aß oder trank oder sich vergnügte. Doch niemand sollte ihn mehr beim Grübeln stören und schon bald faßte er den Entschluß sich ein Häuschen im Naturschutzgebiet zu kaufen. Das war eben jenes Haus, um das er gern spazieren ging und vor dem die Bank stand, auf der er gerne saß und durch bunte Glaskugeln die Farben des Lichts bestaunte. Nichts hatte Lipola hierher mitgenommen, keinen Fernseher, kein Auto, keine Freunde, keine Frauen. Also gut, fast nichts, wenn ihr in die Küche schaut, seht ihr den Kühlschrank mit dem Zapfhahn und ein blutjunges, hübsches Hausmädchen, die glaubhaft versichert hatte sich umzubringen, als Lipola sie zurückgelassen wollte. Er hatte quasi keine Wahl, man muß dafür ein bißchen Verständnis entgegen bringen. So lebte Lipola vor sich hin und es ging ihm eigentlich ganz gut dabei, besonders, wenn er mit zunehmendem Alter die Frage über die er grübelte vergaß. Eigentlich ist damit nun die Zeit gekommen, daß auch wir Lipola, wie schon viele seiner Freunde zuvor, verlassen. Denn was gibt es schon langweiligeres als einem alten Lustmolch zu zuschauen, der den ganzen Tag Bier trinkt, um sein Haus läuft und durch bunte Glaskugeln kuckt. Einem, der über einer Frage grübelt deren Antwort er sich ganz einfach herbeizaubern könnte. Es gäbe wahrscheinlich mehr Interessantes bei einem Fisch zu entdecken, der immer wieder gegen die Scheibe eines Aquariums schwimmt, weil er nicht begreift, daß es sich bei der Scheibe um Glas handelt, oder bei einer Fliege, die immer gegen eine Fensterscheibe fliegt, weil sie nicht erkennt, daß es sich bei dieser Scheibe ebenfalls um Glas handelt, oder bei Beispielen, welche sich immer um Tiere drehen die Glasscheiben treffen. Beispiele, die man sicherlich fortsetzen könnte, wenn, ja wenn sich nicht eines schönen Morgens folgendes ereignet hätte.
Lipola stand sich das Mehl von der Kleidung klopfend vor seinem Häuschen. Die wilde Schlacht in der Küche war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Doch das hatte nichts mit seinem Alter zu tun. Die Küche blieb eben das Reich seiner Haushaltshilfe und immer sobald er sie betrat, lag diese Spannung im Raum, die eben irgendwie zwischen zwei Geschlechtern entsteht, wenn sie sich in der Küche treffen. Regelmäßig gab es dann zwei Möglichkeiten entweder sie fielen übereinander her oder sie bewarfen sich mit allerlei Lebensmitteln. Diesmal waren es eben die Lebensmittel gewesen. Der Mehlstaub wirbelte in kleinen Wölkchen von Lipolas Pluderhose und ließ den Zauberer wie einen richtigen Zauberer aussehen. An seinem Rücken zog hartnäckig eine Tomate das Hemd zum Hals hin straff. Lipola fuchelte nervös mit den Armen an seinen Sachen herum und rief ins Haus hinein: " Es ist gar nicht so schlimm. Mich hat`s kaum erwischt - kannst eben doch nicht treffen. Hörst ..." Etwas schwabeliges grünes kam durch die Tür geflogen und streifte Lipola am Ohr. Es war der Waldmeisterpudding, der so verdammt gut zum Bier schmeckte, stellte er frustiert fest. Aber eigentlich schmeckte das Bier auch verdammt gut ohne Waldmeisterpudding. Bei diesem Gedanken erhellte sich sein Gesicht der Himmel riß auf, die Sonne umschmeichelte seine Lachfalten und mit verschleierten Blick stieß Lipola die Tür zu seinem Haus auf, um sich ein Gläschen zu zapfen. " Hey da alter Mann! Du mußt hier weg," tönte in diesem Moment eine rauhe Stimme hinter ihm. Lipola hielt inne und drehte sich erstaunt um. Vor dem Haus stand ein Bauarbeiter mit gelben Helm, die Hände in die Hüften gestützt. Ein anderer saß dahinter in einem ungeheuren Ungetüm aus Stahl. Lipola mußte wirklich arg mit sich beschäftigt gewesen sein, daß er das laute Röhren des Motors nicht gehört hatte. Vielleicht war es auch einfach nur seine Schwerhörigkeit. Der Mann mit dem gelben Helm wiederholte noch einmal was er bereits gesagt hatte und erklärte weiter, daß das kleine Häuschen mitten auf der Trasse für die neue Autobahn lag. Nach dem ersten Schreck saßen Lipola und die beiden Männer auf den Holzdielen der Terasse und tranken Radelberger Bier. Das Blechmonstrum hatten sie abgestellt. Der mit dem gelben Helm hieß Günter, der andere Horst. Beide waren schon seit Jahren im Geschäft und versicherten Lipola, wie normal so ein Hausabriß von statten ging. " Das ist reine Routine" - " Machen sie sich bloß keine Sorgen, alles ratz, fatz platt. Tut gar nicht weh." Die beiden lachten herzhaft. Lipola schmunzelte höfflichkeitshalber. Sein Hinweis auf das Naturschutzgebiet löste dann eine weiter Lachlawine aus. Günter schlug vor Vergnügen erst Horst und dann Lipola auf die Schenkel. Eigentlich sind die beiden ganz in Ordnung dachte Lipola. Sie machen schließlich nur ihren Job. Horst stellte sein Glas ab. " Ach weißt Du Alter, wir machen hier nur unseren Job", meinte er. " Du hättest halt damals nicht unterschreiben dürfen." Unterschreiben? Fieberhaft ratterte Lipolas Gehirn. " Hast Du irgendwas unterschrieben Mädchen?" rief er ins Haus hinein. Die Küchenhilfe kam spärlich bekleidet an die Tür und verspeiste lasziv eine Süßspeise. Horst und Günter pfiffen anerkennend durch die Zähne, wahrscheinlich auch, weil sie mit den Fingern aß. " Nur ein Zeitungsabonemment." - " Wahnsinn", entfuhr es Günter, der überhaupt nicht zugehört hatte. Bald stellte sich heraus, daß das die ganz normale Art war Anwohner für den Abriß ihres Hauses zu gewinnen. Man ließ sie eine Zeitung kostenlos abonnieren und im Gegenzug gab es dafür die Abrißgenehmigung. Die fand sich natürlich nur im Kleingedruckten auf der Rückseite. " Sonst würde ja niemand unterschreiben", meinte Horst. " Und die Zeitung bekommt man natürlich nicht, weil die Adresse nicht mehr stimmt, wenn das Haus weg ist," ergänzte Günter eifrig, während er mit den Augen den Abgang des Küchenmädchens verfolgte. Das gefiel Lipola nun gar nicht und er beschwerte sich lauthals. Das sei ja wohl das Letzte, so eine Gemeinheit sei das und abonniert ist abonniert, sagte er und noch viele andere Gemeinheiten. Wer allerdings nun auf eine deftige Schlägerei zwischen Lipola und den Bauarbeitern gehofft hatte, sah sich getäuscht. Im Gegenteil Horst und Günter zeigten vollstes Verständnis. Beide versicherten genauso genervt zu sein, wenn sie manchmal keine Zeitung bekommen würden. " Wenn ich den Typ erwische, der mir die frühs aus dem Kasten klaut, dann gibt`s aber Ärger, richtig Ärger," schniefte Günter vor sich hin. Man mußte ihm einfach glauben. Pünklich fünfzehn Uhr erhoben sich Lipolas neue Freunde und gingen nach Hause. Sie hatten Feierabend. Verstört und ein wenig verlassen blieb der Zauberer auf der Terasse seines Hauses zurück. In seinem Kopf summte es wie in einem Bienenschwarm. Er hatte tausend unbeantwortete Fragen und schon einen kleinen Schwipps. Welche Zeitung hatte er abonniert? Warum wurde sie nicht ausgeliefert? Seit wann ist fünfzehn Uhr schon Feierabend? Wozu der gelbe Helm? Hatten Horst und Günter ein Verhältnis? War vielleicht doch noch Waldmeister im Kühlschrank, und so weiter und so weiter. Tags darauf stand Lipola in einer langen Schlange auf einem der endlosen Flure des Rathauses. Die Menschen schwatzten wild durcheinander und unterhielten sich über ihre Probleme. Die meisten waren sich schnell darüber einig, daß der Grund allen Übels die faulen, blöden Beamten waren. So konnte es Lipola aus den Wortfetzen heraus hören. Vor ihm stand ein kleiner Mann mit spitzem Hut. Er ging Lipola ungefähr bis zum Gürtel und hatte einen grünen bemosten Mantel an. " Weshalb sind sie denn hier," fragte er listig hinaufblinzelnd. - " Horst und Günter wollen mein Haus abreißen," antwortete Lipola. " Und dann bekommen Sie keine Zeitung nicht wahr?" - " Genauso ist es. Ich werde mich beschweren." Bald stellte sich heraus, daß mindestens die Hälfte aller Wartenden das selbe Problem wie Lipola hatten. Sie bekam keine Zeitung zugestellt, weil ihre Häuser der Autobahn weichen sollten. Als der Zauberer endlich an der Reihe war, kam ihm ein böse blickendes Eichhörnchen entgegen. " Es nützt alles nichts," sprach es wispelnd, wobei es wütend eine Nuss auf den Boden warf. Nun trat Lipola ein und das erste was er sah waren zwei Schuhsohlen. Die lümelten auf dem großen Schreibtisch gleich neben einem monströsen Telefon. " Setze er sich," erklang eine helle Stimme hinter den Schuhen. Lipola wußte nicht gleich wer gemeint war, setzte sich dann schließlich, da er niemanden sonst entdecken konnte. " Was ist sein Begehr," wurde gefragt. Die Schuhe verschwanden und gaben den Blick auf das braungebrannte Gesicht des Beamten frei. Der schmunzelte zufrieden an seiner Zigarre ziehend in sich hinein. -" Nun," begann Lipola sich mühsam auf dem kleinen Gesundheitsball haltend, " ich komme wegen meines Hauses..." " Bei uns kann er nicht wohnen," unterbrach ihn der Beamte. -" Ah, mit `er´ meinen Sie mich nicht wahr?" Lipola hatte begriffen. " meint `Ihr´ mich," verbesserte der Beamte. -" Wir wen?" " Nein er müßte `Ihr´ sagen zu mich...also ich. Aber das ist nicht so wichtig. Wichtig ist nur, daß ich nichts für Ihn tun kann." -" Aber ..." " Die Begrenzten Mittel, die Jahreszeit, der Fachkräftemangel, das Steuerausgleichs-programm, die Nebeneinkünfte, das Verwaltungspotential, die Jahesendquartalabrechnung, das Richtlinienhandbuch, der antizyklische Kaffeeverbrauch, der Nebenzuschlag, die Kostenverordnung, die Deckelverordnung, Herr...." -"Lipola." " ...Lipola, er muß das verstehen." Der Beamte schien gequält, fast bemittleidenswert. Schließlich macht er hier auch nur seinen Job, dachte Lipola. Da kann man nicht viel dagegen sagen. Bei so einer Deckelverordnung zu dieser Jahreszeit ist das bestimmt nicht immer einfach. " Ich mache hier auch nur meinen Job," fügte der Beamte hinzu.
Unverrichteter Dinge kehrte Lipola Heim ins Naturschutzgebiet. Sein Weg führte ihn vorbei an Mosen, Pilzen und Farnen, welche sich am Spritzbeton der Brückenpfeiler für die Autobahn bereits gut eingelebt hatten. Er überquerte Kieshaufen, schlängelte sich an Presslufthämmern vorbei, flüchtete vor einer Walze und traf schließlich mit Teer an den Schuhen Horst und Günter, die gerade dabei waren in seinen Garten zu urinieren. Kurz darauf sauste die Abrißbirne gegen die Hauswand. Mit ohrenbetäubendem Geschepper rasierte sie die ganze Einrichtung platt. Immer wieder und wieder, bis schließlich nur noch der Kühlschrank mit dem Zapfhahn einsam aus den Trümmern ragte. Die Abrißbirne beschrieb einen Bogen und beschleunigte unaufhaltsam auf diese letzte Bastion zu. " Nicht den Haaaahn", schrie Lipola im langsamen, katzenhaften Sprung. Er rüttelte wie wild doch der Kühlschrank bewegte sich kaum. Heroisch stellte sich Lipola vor den Zapfhahn der Birne entgegen, schloß die Augen und wartete auf den Einschlag. Er kam nicht. Die Abrißbirne hatte ihr Ziel verfehlt, flog jedoch wieder von Neuem heran. Was sollte er tun? Viel Zeit blieb ihm nicht mehr und ausgerechnet jetzt lief auch noch sein ganzes bisheriges Leben vor ihm ab. Das ist in lebensbedrohlichen Situationen bei denen der Tod hämisch , grinsend über die Schulter schaut, natürlich völlig normal. Kein Mensch reagiert heutzutage erstaunt, wenn ihm jemand erzählt: ` Du hör` mal das war so gefährlich, da hat sich glatt mein Leben vor mir abgespullt.´ Wahrscheinlich hat Gevatter Tod sogar immer eine Tüte Popcorn dabei und schaut sich das mehr oder weniger interessiert an. Das so ein Lebensfilm Rettungsmaßnahmen verhindern kann, davon hatte Lipola allerdings noch nichts gehört. Soeben wollte er einfach aufstehen und die Vorstellung verlassen, als sich sein achtzehnter Geburtstag näherte. " Höre Sohn, was ich Dir jetzt sagen werde, wird dich erfreuen. Doch versprich mir auch die Verantwortung zu tragen, die damit verbunden ist." Der Vater sah Lipola auffordernd an. Was habe ich damals bloß für peinliche Sachen getragen und was hat mein Vater erst für Sachen getragen, dachte Lipola. Hastig sah er sich um. Von Horst und Günter war Gott sei dank nichts zu sehen. Nur hinten in der letzten Reihe saß ein dürrer Mann mit einer Sense, offenbar ein Bauer. " Was für blöde Klamotten", klapperte er lachend durch die Zähne, wobei er die halbe Popkorntüte verschüttete. "Du mein Sohn hast die Kraft der Magie," fuhr Lipola´s Vater unbeirrt fort. "Du mein Sohn kannst Zaubern. Probier es aus und wünsch Dir etwas, ohne es auszusprechen. Gleichzeitig nimm die rechte Hand und zieh dir damit kurz an deinem linken Ohrläppchen. Dann nimmst du die linke Hand und ziehst an deinem rechten Ohrläppchen." Mechanisch zupfte sich Lipola in aller Eile an den Ohrläppchen und wünschte sich hastig, was ihm grade einfiel. Die Abrißbirne verschwand und Lipola stand in der Küche neben seinem Kühlschrank. Auf dem Tisch zog sich das Küchenmädchen routinemäßig aus. Er hatte das Zaubern also nicht verlernt. Frohen Mutes ging Lipola durchs Haus. Nichts war versehrt, stellte er zufrieden fest und strich mit einer nie da gewesenen liebevollen Hingabe über jeden Einrichtungsgegenstand. Lipola war so glücklich, so schwerhörig, daß er erst nach einigen Stunden das Brummen, welches die ganze Zeit unterschwellig in der Luft lag, vernahm. Ein Brummen, das die Scheiben in den Rahmen der Doktorurkunden erzittern ließ. Vorsichtig schaute Lipola aus dem Fenster, während sich der Krach beim Öffnen mit einem Schlag mindestens verdreifachte. Links und rechts von ihm schoßen um das Haus herum Autos und Lastwagen in wilder Abfolge. Horst und Günter hatten die Autobahn also einfach an Lipolas Häuschen vorbeigebaut, es quasi auf den Mittelstreifen verdammt. Konnte er damit Leben? Unter der Haustür schob sich mühsam ein lächelndes Mädchen auf einer Zeitung hindurch. Er konnte.
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