Im Polizeikommissariat Nord brannten noch fast alle
Lampen. An geschäftiges Treiben war jedoch nicht mehr zu denken.
Schließlich näherte sich in einer Stunde der erlösende
Schichtwechsel. Nicht weiter verwunderlich also, dass die Kollegen in
der hektischen Flucht vom Arbeitsplatz vergessen hatten, das Licht
auszumachen. In einem Büro allerdings strahlte das gleißende Neonlicht
nicht umsonst. Unerschrocken, unbeugsam, dem Spott der Kollegen
ausgesetzt, saß Inspektor Fuller noch über den Akten. Neben seinem
Kopf türmte sich ein Berg von Zigarettenstummeln unter dem
wahrscheinlich ein Aschenbecher steckte. Fullers Nase war so tief in
einem Stapel von Papieren vergraben, dass viele die ihn nicht richtig
kannten wohl gedacht hätten er schliefe. Eine absurde Idee, denn auf
dem Computerbildschirm lieferte sich gerade ein Ufo wilde Gefechte mit
anderen Flugobjekten. Das Spiel hieß Space 2 und führte schon seit
Wochen konkurrenzlos die Game-Charts im Kommissariat Nord an. Das
Telefon klingelte. Fuller schreckte auf und befreite den Hörer von
einer schlaffen Bananenschale. `Bergmann die Sau´, schoss es ihm durch
Kopf.
" Fuller"
- " Wann nehmen Sie eigentlich den Hörer ab Sie Psychopath?"
Der `Alte´ wie er von den Kollegen liebevoll genannt wurde, schien in
gereizter Stimmung zu sein. Fuller bemerkte das sofort und nahm sich vor
auf Deeskalationskurs zu gehen.
" Ich nehme den Hörer ab, wenn es klingelt."
- " Wollen Sie mich... ach, lassen wir das. Fuller was macht der
Fall..."
" Moment mal Chef ich glaube der Kaffee ist durchgelaufen."
Fuller stand auf und ging ein wenig im Raum herum. Er fand es gut dem
Chef zu zeigen, dass es auch noch andere Dinge zu erledigen gab. Er war
schließlich ein beschäftigter Mann.
" So da bin ich wieder," Fuller setzte sich demonstrativ
schnaufend, " hier ist eben immer was los."
- " Was macht der Fall Salbach?" Die Stimme des Chefs
vibrierte merkwürdig und hörte sich bedrohlich ruhig an. Fuller war
das Schreien seines Vorgesetzten dann schon irgendwie lieber.
" Mmm Salbach, Salbach... Moment." Er wühlte in den Papieren.
- " So weit ich unterrichtet bin ist das ihr einziger Fall,
Fuller."
" Ach ja natürlich Salbach. Ich habe die Sache hier direkt vor mir
liegen. Manchmal sieht man eben den Wald vor lauter Bäumen nicht. Da
sitze ich den ganzen Tag an nichts anderem und dann so was haha..."
- " Machen Sie um Himmelswillen dieses blöde Computerspiel aus.
Man versteht ja sein eigenes Wort nicht."
" Ach ja natürlich. Zurück zum Fall Salbach."
- " Ich bitte darum."
" Nun wir gehen mittlerweile mit gesteigerter Sicherheit davon aus,
dass der Mann gewaltsam verunglückte," Fuller lehnte sich in
seinem Drehstuhl lässig zurück und genoss es sichtlich seine neuesten
Erkenntnisse zu vermitteln.
- " Was soll das jetzt wieder heißen?"
" Wir haben Spuren von einem Schlafmittel in seinem Körper
nachweisen können. Dadurch ist allerdings der Tod weniger als vielmehr
durch einen Schlag auf den sogenannten Hinterkopf eingetreten."
- " Tatwaffe, Motive, Haarfarbe, Hobbys, Mensch Fuller, ich brauche
konkrete Anhaltspunkte."
" Werden prompt geliefert Chef. Sie sehen ja an mir liegt es
nicht."
- " Jetzt bilden Sie sich bloß nichts darauf ein, dass Sie eine
Stunde vor Schichtwechsel immer noch im Büro sind."
" Woher rufen Sie eigentlich an." Fuller versuchte möglichst
unschuldig bei dieser Frage zu klingen, da er genau wusste, dass sein
Chef gleich nach dem Mittagessen zu seinem Landsitz gefahren war. Der
Alte hatte jedoch sofort begriffen woher der Wind wehte.
- " Werden Sie hier nicht unverschämt," die Lautstärke ließ
Fuller zwangsläufig Haltung annehmen, " ich bin immer noch Ihr
scheiß Vorgesetzter. Haben Sie das kapiert Fuller? Außerdem habe ich
ein verdammtes Recht auf mein scheiß Privatleben. Und wenn ich das
nächste Mal anrufe, will ich Resultate, Ergebnisse, Fakten und
Fuller?"
" Chef ?"
- " Die Highscore?"
" Zwölftausendeinhundertacht," antwortete Fuller langsam und
gedehnt, wohlwissend, dass jede Zahl den Alten wie ein Messerstich traf.
Abrupt klickte es am anderen Ende der Leitung. Der Alte hatte aufgelegt.
Schon seit Jahren versuchte er die berufliche Führung auch auf dem `Space
2´ Sektor zu übernehmen. Fuller musste sogar anerkennen, dass sein
Chef sich erstaunlich verbessert hatte. Nur um an ihm vorbeizuziehen
reichte es bei Weitem nicht. Schon der Gedanke erheiterte Fuller und ein
leichtes Lächeln umspielte seinen Mund in dem eine frische Zigarette
glimmte. Gedankenverloren sah Fuller auf dem Bildschirm den lautlosen
Angriffen der Ufos zu. Er war noch einmal gut davon gekommen, dank
seiner selbst entwickelten Tropfenstrategie. Nur dann und wann gab
Fuller etwas von den Ermittlungsergebnissen dem Alten Preis. Dadurch
verlängerte sich die Zeit der ungestörten Ermittlungsarbeit um ein
Vielfaches. Doch leider war die Entdeckung des Schlafmittels im Körper
der Leiche Fullers letzter Trumpf gewesen. Zumal er diesen
sensationellen Fund mehr den Gerichtsmedizinern zu verdanken hatte.
Manchmal waren die eben doch zu etwas Nütze diese blas, gelben
Gestalten tief in den Katakomben des Hauptkommissariats. Sie waren es
auch gewesen, die den Abdruck des Toten am Hinterkopf entdeckt hatten,
der wohl die Todesursache darstellte. Doch den Anfang, quasi den
Initialtropfen den konnte Fuller auf seinem Konto verbuchen, denn er war
es schließlich der zuerst informiert wurde als die Leiche von
Pilzsammlern im Wald entdeckt wurde. Er, Inspektor Fuller und kein
anderer. Vor seinem geistigen Auge spielten sich noch einmal die
Geschehnisse dieses wunderbaren Nachmittags ab. Bergmann, der sonst
immer eifrig zum Telefonhörer sprang, stand schläfrig in der Tür. In
der einen Hand die Tüte mit den Muffeins und in der anderen ein Heft
der neusten Ausgabe des ` Waffenfreundes´.
` Bergmann´, hatte Fuller bedeutend gesagt und einen tiefen Zug aus
seiner Zigarette genommen, `wir haben eine Leiche´.
- ` Eine richtige Leiche´, hatte Bergmann ungläubig gestammelt und
wollte sofort ungestüm herumermitteln und wahrscheinlich hätte niemand
ihn stoppen können, wenn Fuller nicht die wohl cleversten Worte
eingefallen wären, die er sich je erdacht hatte.
` Bergmann´, hatte er gesagt, `der Chef hat mir den Fall übertragen´.
Fuller schaltete den Computer aus und verließ das Büro. Es war ein
milder, trockener Mittwochnachmittag. Die Autos fuhren völlig
motivationslos den breiten Boulevard entlang, der irgendwo am Horizont
mal auf die Uferstraße treffen sollte. Auf der anderen Straßenseite
schob die alte Frau ihre Gehhilfe bereits auf Höhe der Bäckerei.
Fuller war wirklich ziemlich lange im Büro gewesen. Er ging an der
kleinen Eisdiele vorbei, ohne die Verkäuferin eines Blickes zu
würdigen. Die Wunden verheilten eben nur langsam. Seine neue Oase in
der er in Ruhen über sich, Space 2, den Fall Salbach und natürlich das
Leben im allgemeinen nachdenken konnte, befand sich in dem idyllischen
Park zwischen der Amerikanischen Kirche, der Blumenstraße, einer Art
Einkaufsmeile und dem Polizeikommissariat Nord. Hier setzte er sich
neben Mike den Maronenverkäufer auf eine Bank. Mike stand mit seinem
kleinen grünen Wagen immer neben dieser einen Bank. Er war ein recht
aufgeweckter junger Bursche und hatte stets ein kleines Liedchen auf den
Lippen. Er selbst bezeichnete sich gern als Aussteiger, was er seiner
Meinung nach unter anderem dadurch deutlich machte, dass er auch im
Sommer ganz bewusst kein Eis, sondern Maronen verkaufte.
." Was geht ab Mike," fragte Fuller und freute sich in der
Sprache der Jugend kommunizieren zu können. Mike strich sich durch
seine kurzen schwarzen Locken und schüttelte behände den Eisendeckel
auf dem ein paar Maronen vor sich hin brutzelten.
- " Es läuft so lala. Die meiste Zeit steh ich hier ziemlich
ungestört und ab und zu kommt dann mal irgend ein abgefuckter Typ
vorbei, der mich vollabert aber nichts kauft."
" Ja, ja das ist the way of life Mike," Fuller hatte die
kleine Anspielung nicht bemerkt. Er kramte umständlich nach seinen
Zigaretten, während Mike `Under the Moon of Love´ intonierte.
" Kannst Du Dir vorstellen, dass mitten im Wald manchmal Leichen
rum liegen Mike," fragte Fuller schließlich nach einer Pause.
- " Ich will keinen Ärger bekommen, bloß weil Du wieder
irgendwelche super staatlichen Dienstgeheimnisse herum erzählst."
" Jetzt bleib doch bitte cool Mike. Versuch Dich zu entspannen und
iss eine Marone."
- " Ich kann keine scheiß Maronen mehr sehen, Fuller. Maronen sind
das letzte was ich auf diesem Planeten noch einmal essen werde. Sie sind
klein, rund, trocken, eben, eben..."
" Uncool?"
- " Genau." Bei Mikes immer heftiger werdenden Schütteln des
Deckels hatten bereits einige Maronen das Blech verlassen. Diese wurden
von einem sorgfältig gekleideten Jungen, der seiner Familie
vorausgeeilt war aufgespürt. Als sich das kleine Grüppchen Mikes
Maronen Waagen genähert hatte, bemerkte die Mutter das Treiben ihres
Sohnes und wies ihn darauf hin dieses widerliche Zeug umgehend
wegzuschmeißen.
" Der Mann heißt Salbach," sagte Fuller gedankenverloren.
- " Juhu der Mann heißt Salbach," wiederholte Mike etwas
lauter, " hallo ist da noch jemand der es nicht gehört hat?
Salbach heißt der Mann. Ist das nicht ein schöner Name für eine
Leiche."
" Du solltest vielleicht doch besser Eis verkaufen Mike."
- " Nein verdammt ich will kein Eis. Ich hasse Eis. Eis ist kalt,
süß, klebrig..."
" Eben uncool."
- " Genau."
" Also, Mike wie gehen wir vor?"
- " Fuller das ist Dein Fall. Ich möchte da nicht mit reingezogen
werden. Das gibt nur wieder tierischen Stress."
" Du meinst irgendwo da draußen ist jemand der gar nicht will,
dass wir den Fall aufklären?" Langsam nahm Fuller einen Denkfaden
auf.
- " Das ist doch immer so. Schau Dir die Krimis im Fernsehen an und
Du siehst wie`s abgeht, man. Zuerst brauchst Du ein Motiv. Das Motiv ist
verdammt noch mal das wichtigste."
" Wau, Mike das ist nicht schlecht. Und wer könnte so ein Motiv
haben?" Allmählich waren im schwächer werdenden Licht nur noch
die Umrisse von Mike zu erkennen.
- " Na was weiß ich. Freunde, Bekannte, Verwandte jeder ist
verdächtig."
" Genial Mike. Gib mir eine Tüte Maronen."
Dumpf schlug die Tüte in dem Papierkorb auf, als Fuller den Park in
Richtung Blumenstraße verlassen hatte. Die Gespräche mit Mike gaben
ihm immer eine gewisse Unterstützung bei der kriminalistischen
Falllösung. Natürlich war Mike nur ein Laie, der über ein sehr
beschränktes Spezialwissen verfügte, ganz zu schweigen von Methodik
oder Gespür. Doch gerade diese naive Sicht auf die komplexen
Zusammenhänge waren es, die ein ums andere mal ein kleinen Stein ins
Rollen brachten, quasi den Anfang des Wollknäuels freilegten.
Gleißendes Sonnenlicht viel auf den staubigen Weg von Clawsen City.
Jede Bewegung von Mensch und Tier wurde zur Qual. Die Pferde vor dem
Saloon hatten längst aufgehört sich gegen die lästigen Fliegen zu
wehren. Drinnen hatten sich die Männer des Dorfes bei einem Glas gutem
Whisky versammelt und fieberten ohnmächtig dem unaufhörlich
herannahenden Ereignis entgegen. Mit dem Vieruhrzug sollten Jimmy
Kaliber und seine Bande in Clawsen City eintreffen. Der Friedensrichter,
der etwas unbequem an der Bar lehnte, schob langsam seinen Hut in den
feuchten Nacken, um einen verstohlenen Blick auf die Wanduhr über dem
Whiskyregal zu werfen. Fünfzehnuhrzweiundvierzig. Er nahm einen Schluck
aus seinem Glas. Die anderen taten es ihm gleich und ihr hastiges
Schlucken blieb das Einzige, was die bleierne Stille im Saloon
zerschnitt. Jeder der Männer vermied es dem anderen in die Augen zu
blicken. Die Zeit der Diskussionen war vorbei. Jetzt hieß es nur noch
so ungeschoren wie möglich davon zu kommen. Das wussten auch Will und
Dick, die eigentlich um diese Zeit längst ein paar Billardspiele hinter
sich gehabt hätten müssen. Heute standen sie regungslos an der Platte.
Fünf vor Vier. Die Zeiger der Uhr drehten unaufhaltsam ihre Runde.
Jeden Augenblick musste das Pfeifen die Ankunft des eisernen Büffels,
wie die Indianer den Eastern Express nannten, verkünden. Und da war er
auch schon, dieser hohle, raue Ton, der sonst so freundlich in den Ohren
der Bewohner von Clawsen City klang. Aber da war auch noch ein anderer
Ton. Das Getrappel von Pferdehufen näherte sich dem Saloon. Der
Friedensrichter bedeutete den anderen mit einem Kopfschütteln, dass das
unmöglich schon Jimmy Kaliber mit seiner Bande sein konnte. Schwungvoll
schlugen die Flügeltüren zurück und herein kam ein großer
stattlicher Mann, der ganz in weiß gekleidet war. An seiner Hüfte
hingen zwei blinkende Colts deren Griffe aus weißem Elfenbein gefertigt
waren. Schlagartig lag diese sonderbare Atmosphäre in der Luft, die
allen anwesenden die Gewissheit gab: Er war es und kein anderer. Er von
dem an jedem Lagerfeuer im Wilden Westen die unglaublichsten Geschichten
erzählt wurden. Er den tausende von Müttern täglich in ihren Gebeten
bedachten, weil er ihre todgeweihten Söhne gerettet hatte. Er der in
keinem Schulbuch fehlte und von dem die Frauen noch in den Armen der
Cowboys heimlich träumten. Er dem ein Kinderlächeln mehr bedeutete als
alle Goldminen am Rio Pegos zusammen. Er der es ablehnte das Gesetz der
Gewalt zu akzeptieren nur, um es für andere zu instrumentalisieren. Er
war es Fuller der Weiße Sheriff. Bleich und blass goss der Barkeeper
zitternd ein Whiskyglas voll. Eine jämmerliche Gestalt neben dem
Weißen Sheriff, der das Glas in einem einzigen Zug lehrte, ohne dabei
einen Gesichtsmuskel zu verziehen. Wieder drang Pferdegetrappel in die
stille des Saloons. Diesmal allerdings bedeutend lauter. Alle Augen im
Raum waren nun auf Fuller den Weißen Sheriff gerichtet. Sie schienen in
ihrem ganzen Ausdruck stärker um Hilfe zu bitten, als es je ein Schrei
hätte vollbringen können. Allein der weiße Cheriff blieb ruhig und
entspannt. Er zog locker seinen rechten Colt aus der Tasche und drehte
an der Trommel. Surrend glitten die Patronen an seinem Auge vorbei, ein
Karussell der Gerechtigkeit. Es drehte und drehte, bis das feine Surren
der Mechanik einem schrillen Klingeln wich.
Fuller fand sich in einem dunklen, miefigen Raum in einem
durchgehangenen Bett liegend wieder, seinem Bett.
"Mein Gott Fuller wo steckst Du?" Am Telefon war Bergmann.
- " Ich liege in einer Hängematte auf den Bahamas."
" In zehn Minuten treffen wir uns im Villenviertel, Hohenhausener
2."
- " Warum um alles in der Welt sollte ich da mitten in der Nacht
hinkommen."
" Es ist fast elf Uhr Fuller und wir haben einen Termin mit den
Saulers. Das sind die einzigen Verwandten von diesem Salbach, die ich
ausmachen konnte."
- " Saulers, was für ein dämlicher Name," Fuller sagte das
übertrieben aggressiv, da es ihn insgeheim ärgerte feststellen zu
müssen, dass Bergmann auch schon daran gedacht hatte die Ermittlungen
auf Bekannte und Verwandte auszudehnen. Er beendete das Gespräch nach
dem er mehrfach darauf hinwies wie wichtig vor allem das Motiv in solch
einem Fall sei.
Die Hohenhausener Straße führte auf eine kleine Anhöhe vor den Toren
der Stadt. Die Steigung nahm sich eigentlich nicht sehr viel aus, doch
Fullers Passat führte sie an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit.
Bergmann wartete bereits vor dem eisernen Tor eines prächtigen Hauses,
dass lindgrün angestrichen war. Als er Fuller in Schrittgeschwindigkeit
die Anhöhe herauf kriechen sah, keimte wieder einmal Bestätigung in
ihm auf. Bergman setzte seit Jahren auf die öffentlichen Verkehrsmittel
und hatte daher schon aus Prinzip auf einen Dienstwagen verzichtet. Dass
er dann und wann etwas verspätet zum Einsatzort kam, nahm er gelassen
in kauf.
- " So, dann werden wir uns diese Saulers mal vorknöpfen,"
begrüßte Fuller den Wartenden und ging direkt mit dynamischen
Schritten durch das halb geöffnete Tor. Bergmann folgte dem ovalen
Schweißfleck, der sich auf Fullers Hemdrücken abzeichnete.
Die Saulers waren ein aufgeschlossenes, freundliches Pärchen so um die
Fünfzig. Frau Sauler führte die staunenden Beamten gleich nach der
Begrüßung durch das Haus, wobei ihre aufgetürmten Haare voran
wippten.
" Mensch Bergmann, dass ist dieses teure Linoleum," platzte
Fuller heraus.
- " Entschuldigung," Frau Saulers hüstelte amüsiert, "
das ist Marmor Herr Inspektor."
Fuller konnte es kaum glauben und begann den Fußboden zu inspizieren.
Bergmann interessierte sich dagegen eher für die Amaturen in Bad und
Küche. Doch Frau Saulers konnte auf genauere Fragen diesbezüglich
keine Angaben machen. Schließlich hatte Herr Saulers den Kaffe bereitet
und die beiden Inspektoren begannen in einer gemütlichen Couchecke des
Salons ihre Fragen zu stellen.
" Um gleich Eins klar zu stellen," eröffnete Fuller das
Gespräch, " ich leite die Ermittlungen. Der Chef hat mir den Fall
übertragen." Frau Sauler nickte freundlich.
" Frau Sauler", fuhr Fuller fort, " kennen Sie einen
Herrn Salbach?"
- " Ja natürlich, er ist Tod nicht wahr?"
" Woher wissen Sie das," fragte Fuller schnell.
- " Ihr Kollege Bergmann hat mir das am Telefon gesagt. Dieser Herr
Salbach war mein Bruder." Bergmann warf Fuller einen
triumphierenden Blick zu.
" Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihren Bruder. Was war das
für ein Mensch? Was für Freunde hatte er, Autos, Frauen,
Perversitäten. Eine weiße Weste macht noch keine saubere Wäsche,
pflegen wir immer zu sagen." Fuller stieß Bergmann an und beide
begannen, wissend zu lachen.
- " Aber meine Herren wozu wollen Sie das wissen." Frau
Saulers war nun etwas verstört, während Herr Saulers ziemlich
unbeteiligt die Fransen der Tischdecke ordnete.
" Gnädige Frau, wir brauchen ein Motiv. Ohne Motiv nützt uns der
schönste ...," Fuller machte eine Pause, um sich seine Zigarette
anzuzünden, "... der schönste Mord nichts."
- " Sie meinen..."
" Ganz genau, deshalb sind wir ja hier. Sehen Sie
Mordkommission." Fuller fuchtelte nicht ohne Stolz mit seinem
Ausweis herum. Wurde jedoch von Herrn Saulers behindert, der durch
Anheben der Kaffeekanne anfragte, ob noch nachgeschenkt werden sollte.
" Nein danke," fuhr Fuller fort, " also wo haben Sie das
viele Geld her?"
- " Nun es ist wahr mein Mann und ich," Frau Fuller legte
zärtlich ihre faltige linke Hand auf die ihres Mannes, " wir haben
es zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Sehen Sie mein Mann und ich wir
verkaufen Milchpulver in die Dritte Welt. Es ist schrecklich, wenn man
mitansehen muss wie diese armen Menschen manchmal leiden müssen,"
Frau Sauler wischte sich übers Auge und blickte gütig zu Fuller und
Bergmann herüber. " Wir mussten etwas tun, wir konnten eben nicht
einfach nur da sitzen und große Reden schwingen. Nein wir mussten
handeln, mussten helfen, mussten..."
" Und wohl auch ein paar Waffen mit der Milch liefern",
unterbrach Fuller sie schneidig.
- " Das Verfahren wurde eingestellt. Sie haben nichts in der
Hand," antwortete Herr Saulers hektisch.
" Schon gut, schon gut, ist schließlich nicht unser
Zuständigkeitsbereich," beschwichtigte Bergmann. " Also, zum
Thema, was hat Salbach denn gemacht als er noch lebte?"
- " Nun er hatte eine kleine Bäckerei in der Stadt, direkt auf der
Bumenstraße, beste Lage wissen Sie. " Frau Saulers erzählte noch,
dass ihr Bruder oft mit ihr kleinere Ausflüge in die Umgebung gemacht
habe. Sie berichtete wehmütig von endlosen Gesprächen und schwelgte in
Erinnerungen. Außerdem sei ihr Bruder, Herr Salbach, gerne zum Schach
spielen vorbeigekommen und sogar mit ihrem Mann im selben Sportverein.
" Sie standen demnach recht häufig in Kontakt," fragte Fuller
am Ende der Ausführungen von Frau Saulers.
- " Das kann man wohl sagen, letzten Donnerstag hab` ich noch zu
ihm gesagt, dass er bloß auf sich aufpassen soll." Frau Saulers
schüttelte leicht mit dem Kopf als hätte sie das Unglück
vorhergesehen. Ihr Mann bemerkte allerdings, dass sie immer gesagt habe,
er solle aufpassen.
" Und trotzdem wirken Sie erstaunlich gefasst." Fuller beugte
sich etwas über den Tisch und blies Frau Saulers Rauch ins Gesicht.
- " Ich bitte Sie," hüstelte Frau Saulers, " im
Fernsehen sieht man doch jeden Tag Mord und Totschlag."
Fuller bließ noch eine Ladung hinterher.
" Sie hat recht Fuller," Bergmann griff ein und zog Fuller
wieder zurück in den Sessel, " mich berührt es auch nicht
besonders."
Fuller schüttelte sich mißmutig.
" Idiot, ich hätte sie beinah soweit gehabt," zischte er zu
Bergmann hinüber.
Die beiden Ermittler verabschiedeten sich in Richtung Blumenstraße,
um wie gewohnt das Ergebniss der Ermittlungen bei einem Gläschen zu
besprechen und anschließend Salbachs Bäckerei zu besuchen. Fuller war
diesmal etwas früher am vereinbarten Treffpunkt. Er hing in gewohnter
Haltung am Tresen. Der rechte Arm war aufgestützt und hielt seinen
Kopf, das linke Bein baumelte frei vom Hocker herunter. Ängstlich
schaute der Barkeeper zu ihm herüber. Er wußte, dass es an der Zeit
war das Schutzgeld zu zahlen. Das Geschäft ging nachmittags meist sehr
schlecht. Jeder, der um diese Zeit in den Laden kam war also
verdächtig, auch wenn der Barkeeper nicht genau wußte wer alles in das
Schutzgeldgeschäft verwickelt war und wer nicht. Er hatte darauf zu
warten, dass ein bestimmtes Zeichen gegeben wurde. Fuller fing seinen
Blick auf und bedeutete ihm herzukommen.
" Das übliche."
- " Kommt sofort."
Drausen an der Haltestelle war das dumpfe Dröhnen des Buses zu hören.
Kurz darauf kam Bergmann in seinem hellen, beigen Mantel zur Tür
herein. Er versuchte sich sowohl durch seine Kleidung als auch durch
seine Art zu Gehen irgendwie an Columbo an zunähern. Fuller dachte so
manches Mal, wenn er Bergmann sah, dass ihn wohl nur seine Frau davon
abhielt einen operativen Eingriff an den Augen vornehmen zu lassen.
" Was trinkst Du," fragte Bergmann.
- " Das Übliche."
Bergmann bestellte das Übliche.
" Wenn Du mich fragst," begann Bergmann, " sind die
beiden unschuldig. Die leben da auf ihrem Hügel vor sich hin und sind
glücklich."
- " Ja, fast beneidenswert. Hast Du das Linolium gesehen."
" Das war Marmor, Fuller. Klar hab` ich das gesehen alles vom
Feinsten. Da sieht man mal wieder was mit Milchpulver alles verdienen
kann." Bergmann lachte herzhaft und nahm einen kräftigen Schluck
von seinem Drink.
- " Wir müssen jetzt versuchen einen klaren Kopf zu
behalten," Fuller bestellte mit Zeige- und Mittelfinger eine neue
Runde. " Entscheidend ist doch was wir bisher haben. Da ist zum
einen der Tote Salbach..."
"Der Schlafmittel im Blut hat und ein Loch im Kopf," ergänzte
Bergmann.
- " Richtig. Und der eine Schwester namens Saulers hat. War noch
etwas?"
" Die Bäckerei auf der Blumenstraße."
- " Na, das ist doch schon mal was. Ich werde dem Alten morgen
erstmal nur von der Schwester erzählen."
" Du und Deine Strategie."
- " Das kommt auch Dir zu gute, das laß Dir gesagt sein."
Fuller glitt vom Barhocker in Richtung Toilette. Der Alkohol hatte
bereits einen warmen wohligen Schleier auf ihn gelegt. Fuller war gerade
verschwunden als Bergmann, den Barkeeper immer im Blick habend, sein
leeres Glas nahm und es zu Boden fallen ließ. Ein helles Klirren
erfüllte den Raum.
" Mein Gott," sagte Bergmann gespielt, " wie schnell so
ein Glas doch kaputt gehen kann." Der Barkeeper erkannte das
Zeichen sofort. Mit versteinerter Miene reichte er dem grinsenden
Bergmann einen dicken Briefumschlag über den Tresen. Ein wenig später
kam Fuller nichts ahnend zurück.
-" Wie stehts eigentlich mit Deiner Highscore, Bergmann,"
fragte Fuller nach dem er sich wieder mühsam auf dem Barhocker, der in
der Zwischenzeit offenbar gewachsen war, platziert hatte.
-->Wie soll die Geschichte von meinem Bruder weiter gehen? Würdet
Ihr untenstehenden Abschnitt in die Parkbank Szene einfügen?
Meldet Euch im Gästebuch oder direkt bei mir (peterbrandl@gmx.de)
-Viel Spass, Euer Peter!
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" Na, ist das nicht alles scheiße Mike."
- " Was denn Fuller."
" Das Leben im allgemeinen meine ich. Woher weiß man eigentlich
was damit anzufangen ist. Welcher weg ist richtig und welcher geht was
weiß ich wohin. Wer hat Dir denn zum Beispiel gesagt, dass Du Maronen
verkaufen sollst? Vielleicht bist Du in einem anderen Gebiet voll das
Talent, Mike und wegen der Entscheidung blöde Maronen zu verkaufen,
hast Du Dir alles verbaut und versaut."
- " Was für ein Talent sollte ich denn sonst noch haben?"
" Keine Ahnung. Darauf kommt es doch auch gar nicht an. Es geht um
die Entscheidung, was Du mit Deinem Leben anstellst. Woher weißt Du was
Du zu machen hast. Was gut für Dich ist?"
- " Das klingt irgendwie nach Sinn des Lebens, wenn Du mich
fragst."
" Könnte damit zu tun haben. Weißt Du ich habe neulich überlegt,
warum ich ausgerechnet Inspektor geworden bin. Warum ausgerechnet
Inspektor. Ich meine ja klar ich mache den Job gut. Aber ich hätte
wahrscheinlich genauso gut eine andere Sache machen können. Zum
Beispiel..."
- " Tja, warum ausgerechnet Du?"
" Vielleicht sollte ich mich auch nicht so häufig fragen, ob die
Entscheidung für mich gut ist, sondern besser ob sie für andere gut
ist. Verstehst Du Mike anderen helfen. Das ist ein Sinn."
- " Kauf meine Maronen."
" Mal ganz im Ernst."
- " Das ist ein ziemlich öder Sinn des Lebens. Stell Dir mal vor
jeder hilft jedem nur um sich im Grunde selber zu helfen, nur um damit
seinen Lebenssinn zu erfüllen."
" Stimmt wäre verdammt egoistisch so was. Ich nehme trotzdem so
ein Tütchen." Fuller deutete auf die fertig abgepackten und am
Rand des Wagens aufgereihten Maronen.
- " Egoist" Mike warf eine Packung zu Fuller hinüber, der sie
mit Glück auffangen konnte. Nach dem Fuller eine Weile gedankenverloren
vor sich hin gestarrt und dabei mechanisch Maronen in sich gestopft
hatte, fragte er:
" Also, warum stehst Du hier und nicht woanders. Warum tust Du das
was Du tust Mike?"
- " Was weiß ich, es war Gotteswille nehme ich an."
" Du meinst es war Gotteswille, dass Du irgendwann mal zu Dir
gesagt hast: `Mike wäre es nicht toll einen kleinen Wagen zu haben und
daraus Maronen zu verkaufen´."
- " O.k., dann war es eben weil, ich es zu mir gesagt habe."
" Aber warum Mike, warum?"
- "Weil ich eine verdammte Entscheidung treffen musste. Die
Alternative wäre gewesen nichts zu entscheiden und vorm Fernseher
sitzen zu bleiben." Mike war die Diskussion langsam leid. Sie
machte ihn selber nachdenklich und er merkte wie sich eine ernste
Schwere in ihm breitzumachen begann.
" Stimmt man muss eben eine Entscheidung treffen. Gibt es falsche
Entscheidungen?"
- " Glaube schon."
" Ziemlich deprimierend.
- " Ich denke, wenn Du mit dem was Du machst zufrieden bist, egal
warum du zufrieden bist, dann hast du es richtig gemacht."
" Bist Du zufrieden Mike?"
- " Du fragst und fragst, na klar bin ich zufrieden, manchmal mehr
manchmal weniger, manchmal auch nicht."
" Also hast Du es nur halb richtig gemacht."
- " Sei still."
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