Hoffentlich behandeln sie uns gut! von Axel Hacke (Kolumnist der Süddeutschen Z.)
Vor zehn Jahren wusste kein Mensch, was das
Internet ist. Heute gilt einer ohne Internetadresse praktisch als Person ohne
festen Wohnsitz. Wo wird das enden? Ich sags Ihnen.
Beginnen wir in meinem Zeitungsladen, in dem Monat für Monat ein weiterer
Regalmeter von Zeitschriften eingenommen wird, die zum Beispiel OS/2 Inside
heißen und in deren Artikeln ich keinen einzigen Satz kapiere. Ich greife
wahllos zwei Beispiele heraus, erstens:
"In der Standardkonfiguration sind die Parameter Client User ID und Client
Group ID auf Null- nicht o - gesetzt. Das heißt: Sie existieren nicht."
Zweitens: " Nach ein wenig Einarbeitungszeit kommt man problemlos mit
Ausdrücken wie diesen zurecht: (\<^\<*\<\´^´*´)."
Gebt mir tausend Jahre Einarbeitungszeit, das werde ich nie verstehen! Muss ich
auch nicht, es ist nicht für mich geschrieben, und es interessiert mich nicht.
Ich könnte mit einem Text auf Koreanisch genauso wenig anfangen. Auch im
medizinischen Fachbericht eines Arztes an einen anderen Arzt, betreffend eine
Erkrankung des Unterleibs, wäre mir Satz für Satz verschlossen.
Aber! Jemand könnte mir das Koreanische ins Deutsche übersetzten. Ein
Mediziner könnte mir erklären, an welcher Krankheit ich leide. Niemals jedoch
wird mir jemand bergreiflich machen, was diese beiden Sätze bedeuten. Es ist,
als wäre man mit Wesen in Kontakt gekommen, die in einer anderen Dimension
leben. Es müssen viele sein, sonst würden nicht jeden Tag neue Zeitschriften
mit solchen Sätzen erscheinen. Vor einiger Zeit fand ich sogar schon im
Sportteil der Zeitung ein Inserat, in dem eine Firma mitteilte, dass sie dem
Leser alles über ein Fußballspiel mitteilen könne, falls er das Match nicht
habe sehen können. Die Firma gab ihre Internet-Adresse zur Kenntnis und
verabschiedete sich mit den Worten: "Viel Vergnügen wünscht Ihr
IT-Partner für Beratung, Systemintegration und Outsourching." IT-Partner?
Systemintegration? Outsourching? Wer grüßt da wen?
Ob Leute die so sprechen und schreiben noch das gleich essen wie wir? Vielleicht
leben sie nicht mehr von Brot und Butter, Fleisch und Gemüse? Vielleicht sehen
sie noch so aus wie wir, tragen Anzüge und Kleider und bezahlen dafür mit
Geld, damit sie nicht auffallen. Aber wenn sie allein sind, schlucken sie kleine
grüne Tabletten oder verschlingen gierig die Innereien alter Laptops, oder sie
verspeisen Ihre eigenen Wörter, seltsame Menüs aus Begriffen wie
"Bootmanager-Partition", "Netscape Browser" und
>(<=´<=´<.
Vielleicht lebt mitten unter uns eine Kaste von Wesen, die in einer anderen
Wirklichkeit existieren. Sie gehören einer höheren Realität an, von der wir
nichts wissen und zu der wir auch nicht vordringen können, weil unsere Gehirne
prinzipiell zur Erkenntnis dieser Dimension nicht in der Lage sind: So wie eine
Ameise diesen Artikel nicht lesen kann, kann ich nicht "OS/2 Inside"
dechiffrieren. Diese Wesen lesen Ihre eigenen Zeitschriften, surfen in Ihren
eigenen Computernetzen, regieren ihre Parallelwelt in eigenen Ministerien. Sie
tanzen auf Ihren eigenen Partys nach ihrer eigenen Musik, und wenn sie sich
mögen, sagen sie >\(>´)/?< zueinander und pflanzen sich mit ihren
eigenen Geschlechtsorganen fort, die sehr anders als unsere funktionieren.
Das Verhältnis zwischen den Computerexperten und uns wird eines Tages ganz und
gar sein wie das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Der Mensch erforscht das
Verhalten der Tiere, freut sich an Ihrer Existenz und nutzt sie. Wozu werden wir
von Nutzen sein? Wird man uns als eine Art Singvögel halten, in Käfigen,
unserem Gezwitscher lauschend? Wir werden nicht verstehen, was sie mit uns tun,
und auf den Lauf der Welt werden wir keinen Einfluss haben.