Der große Gesundheitsberater
von Axel Hacke

Kaufen Sie sich nie ein medizinisches Lexikon! Sie werden sofort krank. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe diesen Fehler gemacht. In meiner Buchhandlung wurde zum sagenhaft günstigen Sonderpreis der "Große Gesundheitsberater" angeboten, ein dickleibiges Werk, in dem sämtliche Krankheiten, die Körper und Geist befallen können, verzeichnet sind.
Ich konnte nicht widerstehen und griff zu, nicht ahnend, in welches Elend ich mich stürzen würde.
Denn noch am selben Abend begann ich in dem Buch zu blättern, ziellos. Bereits beim flüchtigen Stöbern entdeckte ich so aberwitzige Erkrankungen, so entsetzliche Möglichkeiten des leiblichen Niedergangs, so unausdenkbare Realitäten des Körpers, dass jede Lebenslust von mir abfiel.
Es war ein teuflisches Werk: Über welche Krankheiten auch immer ich etwas las, sofort befielen mich ihre Symptome. Sie kamen aus den Buchseiten heraus und über mich. So schlug ich beispielsweise das Kapitel über Erkrankungen der Leber auf und entnahm ihm, eines der ersten Anzeichen dafür, dass die Leber nicht mehr richtig funktioniere, sei Müdigkeit: Mangels Nervenzellen könne sich das Organ nicht durch Schmerz ausdrücken, sondern nur, indem es uns ermüde. Müdigkeit sei der Schmerz der Leber.
Man kann sich vorstellen, welche Schläfrigkeit mich überfiel: Ich bin leberleidend, zweifellos. Morgens, mittags, abends- seit eh und je leide ich mehrmals am Tag unter einer Müdigkeit, die mit normaler Erschöpfung nicht zu erklären ist, allenfalls noch mit dem chronischen Müdigkeitssyndrom, das ich ebenfalls in meinem Nachschlagewerk entdeckte. Und wie ungerecht bin ich zeit meines Lebens behandelt worden! Schnarchte ich im Dienst als Soldat, brüllte mich an Unteroffizier an, dämmerte ich in einer Konferenz hinweg, zog mich ein Vorgesetzter zur Rechenschaft, kam ich irgendwo zu spät, bestrafte mich das Leben (oder Marion etc.) - mich, einen einfachen, unschuldigen Leberkranken.
Ich war kaum noch in der Lage weiterzulesen, tat es aber dennoch. Ich entdeckte folgendes: Geht man im Wald spazieren, entdeckt dort Himbeeren und nascht davon, kann man von einem Tierchen namens Fuchsbandwurm befallen werden. Dieses wiederum ruft eine Krankheit namens Echinokokkose hervor, welche sich zunächst durch Schmerzen im Oberbauch bemerkbar macht.
Seit Tagen war da ein leichter Druck zwischen Bauchnabel und Rippen... War ich nicht neulich im Wald? Hatte ich dort nicht wunderbare Waldhimbeeren gegessen? Ich erinnerte mich der Lektüre des Buches "Fräulein Schmillas Gespür für Schnee", in welchem von einem afrikanischen Körperwurm die Rede ist, der den Menschen aus dem Leib geholt wird, indem man ihn über Tage und Wochen aus einer Körperöffnung zieht und auf einen kleinen Holzstab wickelt. Ein Fuchsbandwurm in mir! Ich konnte spüren, wie er herumkroch, es kitzelte leicht im Fleisch, von innen, ein merkwürdiges, nie gehabtes Gefühl aber kein schönes.
So ging es den ganzen Abend. Las ich über Magengeschwüre, bemerkte ich ein Reißen und Stechen im Bauch, las ich über Syphillis, wurde mir mein geistiger Verfall in den vergangenen Jahren klar, las ich vom Blinddarm, realisierte ich einen heftigen Schmerz auf der rechten Seite, in der Nähe der Blinddarmnarbe, die mir in Erinnerung rief, dass ich ja keinen Blinddarm mehr habe- die einzige Erleichterung in dieser Nacht. Ich habs euch immer schon gesagt: Kauft keine Beratungsbücher. Sie rufen die Probleme, bei denen sie einem helfen sollen, offensichtlich erst hervor.
Als letztes entnahm ich meinem Medizinlexikon, dass man keine Schmerzen habe, wenn man Bauchspeicheldrüsenkrebs bekomme.
Ich hatte keine Schmerzen mehr. Das war das Ende!