Die Entdeckung der gestreiften Baumerdbeere
Es war im Jahre 1702 im Mai als sich ein kleines Grüppchen unerschrockener
Edelleute mit ihren leibeigenen Vasallen auf eine Reise begaben, die heute noch
jeglichen Vergleiches sucht. Die Männer waren gesandt von niemand geringerem
als dem König aller Finnen, Hutamaki dem II. Herrscher und Unterdrücker von
über 7800 Finnen ( soviel gab es damals) und seinerseits unterdrückt von Zar
Henry dem I. Doch wie kam es zu diesem wundersamen Grüppchen auf dieser ebenso
wundersamen Reise.
Um einen annähernden Einblick in die Komplexitäten und historischen Abläufe
dieses Geschehens zu haben, müssen wir zurückkehren zum 15.12.1701. An diesem
sonnigen Donnerstag nachmittag, es mag gegen 16.10 Uhr gewesen sein, da saßen
König und Königin Hutamaki im Garten ihres Schlosses nahe Helsinki, der
Hauptstadt aller Finnen schon damals. Frau Hutamaki war eine gütige und gut
gebaute Königin, immer fröhlich und gut gelaunt. Doch an diesem sonnigen
Donnerstagnachmittag im Dezember des Jahres 1701 schien ihr einfaches Wesen
gestört. Das strohblonde Haar hing in schlaffen, fettigen Strähnen die sonst
so reinlichen Schultern herab und der Blick der Königin hing traurig auf ihrem
Cocktailglas.
"Ist Dir kalt?", erkundigte sich fürsorglich König Hutamaki.
-"Nein das ist es nicht," antwortete sie ," du weißt doch, daß
ich Minusgrade liebe".
"Aber was ist es dann, daß dich so verstimmt und dein Haar so schlaff und
fettig herunter hängen läßt", fragte der König besorgt.
-"Nun denn so will ich mich euch anvertrauen mein König", erwiderte
sie mißmutig."Seht ihr diesen Cocktail?" Der König nickte.
"Wohl ist es mein Lieblingscocktail aber etwas fehlt darin. Seit unser
Unterdrücker Zar Henry die Cocktailfrüchte an der Grenze beschlagnahmt fehlt
etwas."
-"Ihr meint die Früchte" sagte der König nach einer Pause.
"Ja die Früchte", schluchzte die schlaffe Königin. Da der König nun
das traurige Bild der Königin nicht mehr ertragen konnte, schmiß er ihr am
nächsten Nachmittag eine finnische Kartoffel in den Cocktail. Doch die Königin
Hutamaki wollte sie nicht als Frucht akzeptieren. Und als auch die
darauffolgenden Versuche mit Kohlrabi, Karotten und Blattspinat im wahrsten
Sinne des Wortes nicht fruchteten, entschloß er sich endlich im Mai 1702 (die
Königin hing immer schlaffer) ein Grüppchen seiner besten und edelsten
Edelleute auf die Suche nach Cocktailfrüchten zu schicken. Wer waren nun diese
verwegenen Männer?
Zunächst einmal so viele, daß es uns heute nur möglich ist einige
exemplarisch herauszugreifen. Viele Helfer und sogenannte
"Wasserträger" müssen leider ungenannt bleiben, da von ihnen nichts
überliefert ist. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wollen wir ihnen
Respekt zollen. Aber nun zu den Überlieferten. Da ist zum einen Sir Sören aus
dem Hause von Sören und Söhne einem alten ehrwürdigen Adelsgeschlecht schon
damals. Er war ein erfahrener Kenner der Szene von Helsinki. Kein Ball und kein
Empfang bei dem er nicht mit zelebrierte. Der König hielt große Stücke auf
ihn und war sich sicher, daß er die gesuchte Frucht sofort als eine solche
erkennen würde. Zweifel daran hatte jedoch der zweite Kopf der Expedition
Rainer von Skandinavien, nach dem später auch ein nördlicher Erdteil benannt
wurde. Rainer hielt Sören für absolut unfähig. Er war jedoch sehr taktvoll,
so daß er dies nie öffentlich äußerte. Was für ein Glück also es in
unseren Überlieferungen vorzufinden. So schreibt schon Pater Lex in seinem
Zyklus "Weltgeschichte" im neunzehnten Kapitel auf Seite 3
:"...und Rainer dachte bei sich : ´Sören ist absolut unfähig´."
Bei welcher Gelegenheit dies geschah soll an späterer Stelle noch ausführlich
erläutert werden. Im Augenblick reicht es diese Zeile wiederzugeben, um einen
Einblick in das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Rainer und Sören zu
erhalten. Der dritte Kopf im Bunde gibt den Historikern bis heute noch viele
Rätsel auf. Pater Lex bezeichnet ihn in seinem Buch "Finnische
Früchte" als den großen Unbekannten. Und in der Tat haben selbst Sören
und Rainer ihn nie mit einem Namen genannt. Stets wurde er mit bildlichen
Gleichnissen angeredet. So nannte ihn Sören mehrmals "Kleiner" und
"Zwerg" während Rainer häufig "Krümel" oder gar keine
Ansprache verwendete. Glücklicherweise wurde dieser mysteriöse Mann bereits am
zweiten Expeditionstag zurück nach Helsinki geschickt. Rainer von Skandinavien
meinte er könne sein Gejammer über seine familiären Probleme nicht mehr
hören und außerdem müsse man bei so einem wichtigen Unternehmen den Kopf frei
haben.
Wir steigen also am dritten Tag der Expedition ein. Es ist noch sehr früh. Die
ersten Strahlen der Sonne brechen sich durch den schmalen, grauen Wolkenteppich
am Horizont. Über dem stillen See liegt ein Frühnebelschleier aus dem zwei
"Wasserträger" gerade mit den frisch getränkten Pferden von Sören
und Rainer sichtbar werden. Das leise Wiehern des stolzen Braunen weckt sein
Herrchen. Rainer hat sofort verstanden, ein neuer Tag beginnt. Und nun ist auch
Sören wach.Durch die Augen blinzelt er seiner weißen Stute zu. Aber Rainer
läßt keine Zeit zur Entspannung. Unmißverständlich gibt er Sören zu
erkennen, daß die Glut unter der Asche noch nicht erkaltet ist und der
Löschung bedarf. Nachdem sich dann der gold-gelbe Strahl von Sören von Sören
und Söhne und Rainer von Skandinavien im allmorgendlichen Gleichklang ergossen
hat, setzt sich der Expeditionszug langsam in Bewegung. Doch Sören ist etwas
aufgefallen: "Rainer", fragt er,"wo ist denn eigentlich der
Kleine?"
-"Die psychische Belastung schien ihn zu zermürben, da hab ich ihn nicht
von der Heimreise abhalten wollen."
"Du meinst Du hast ihn weggeekelt," Sören war entrüstet.
Doch Rainer reagierte nicht mehr darauf. Er sprengte auf seinem Roß an die
Spitze des Zuges, daß es eine wahre Freude war Reiter auf Roß zu sehen und die
Wasserträger vor Entzücken tuschelten. Sören tat es ihm gleich, um zu sehen
was Rainers Aufmerksamkeit erregt hatte.
Es war ein kleines Bäumchen ein wenig abseits des Weges auf einer malerischen
kleinen Anhöhe. Langsam bewegten Sören und Rainer den Zug in Richtung des
Bäumchens. Je näher sie kamen, um so deutlicher wurde das wunderbare Bild
welches sich ihnen bot. Jeder Zweig des Bäumchens bog sich schwer unter einer
handvoll daumengroßer, roter Früchte. Die Expedition war entzückt und gerade
wollte Sören nach einer dieser verlockenden Früchte greifen, da teilte sich
die Baumkrone. Ein Kopf, der sich offenbar darin versteckt hatte, lugte hervor.
Es war ein recht runder Kopf mit großen ruhigen Augen von denen das eine fast
von dem darüberhängenden Seitenscheitel verdeckt wurde.
"Finger weg von der gestreiften Baumerdbeere", verkündete der Kopf
mit sonorer Stimme. Sören wich erstaunt zurück und starrte mit offenem Mund.
Die anderen begannen wieder zu tuscheln. Nur Rainer bewahrte die Ruhe. Er trat
vor die Spitze des Zuges und hub zu einer langen Rede an, die immer wieder vom
Gelächter des Kopfes unterbrochen wurde. Dieser fand es offenbar komisch zu
hören, was die Expedition in dieses entlegene Umfeld von Helsinki geführt
hatte. Doch Rainer erzählte tapfer weiter und als er geendet hatte, kicherte es
immer noch aus dem Baum.
Da verlor Sören die Geduld. Er ritt dicht an den Kopf heran und verpaßte ihm
zwei kurze Kinnhaken aus einer sauberen Deckung. Dies ging so schnell, daß
Rainer das Geschehen nur noch fassungslos verfolgen konnte. Wortgewandt
versuchte er die Situation nun zu retten.
"Verdenkt es ihm nicht geehrter Kopf, Sören von Sören und Söhne ist
etwas ungestüm. Ein sogenannter Hitzkopf wie wir zu sagen pflegen. Außen hart
und innen weniger.", dabei schielte Rainer zu Sören und sein Lächeln
erstarrte zu Grimasse." Doch sagt Herr Kopf", fuhr Rainer fort, "
ihr erwähntet eine gestreifte Baumerdbeere, die Früchte dieses Baumes tragen
jedoch keine Streifen. Vielleicht hättet ihr die Freundlichkeit...".
Bereits seit einigen Augenblicken hatte der Kopf beunruhigend mit den Augen
gerollt. Jetzt viel er aus der Baumkrone, rollte noch ein Stück und blieb dann
regungslos liegen.
Nun war der Moment gekommen in dem Rainer wieder zu Sören schielte und die
denkwürdigen Gedanken dachte:" Sören ist absolut unfähig". So
findet es sich auch in dem Nachlaß des Pater Lex Zyklus
"Weltgeschichte" im neunzehnten Kapitel auf Seite 3. Die Stelle wurde
bereits etwas weiter am Anfang angekündigt als es um die zwischenmenschlichen
Beziehung von Rainer zu Sören ging.
Sören merkte wohl, daß etwas in Rainers Blick lag. Jedenfalls hatte er das
Gefühl sich rechtfertigen zu müssen und während die Wasserträger die
gestreiften Baumerdbeeren in Körbe pflückten, wiederholte Sören immer wieder,
daß ihn der Kopf provoziert habe.
Königin Hutamaki sah die Ankömmlinge schon vom Gitterfenster ihres
Malzimmers und schrie während sie aufgeregt durch das gelbe Zimmer, den
Spiegelkorridor entlang lief:"Sie kommen, Sie kommen". Der König der
im Salon wie gewöhnlich seinen Nachmittagsfasan aß, verstand nicht sofort wen
seine Gattin da ankündigte. Er war gerade dabei nach seinen zwei bis drei
Sternengenerälen zu schicken, um die notwendigen Verteidigungsphasen
einzuleiten, da fiel ihm ein, daß nur die Ankunft der tapferen
Früchteexpedition seine Frau so erregen konnte. Während dessen ritt der Troß
durch das Tor des Schlosses ein. An der Spitze des Zuges wie immer Rainer von
Skandinavien und Sören von Sören und Söhne, wobei beide peinlich genau darauf
achteten, daß der andere auf gleicher Höhe war. Dies führte zu plötzlichen
Tempoverschärfungen, welche das in großer Schar herbeigeeilte Gesinde genauso
verwunderte, wie die großen Körbe voll mit fremdartigen Früchten.
"Nun was habt ihr für Cocktailfrüchte", fragte die Königin
neugierig, nachdem das offizielle Begrüßungszeremoniell vorbei war.
-"Es handelt sich um eine sicherlich schmackhafte Frucht von den fernen
finnischen Hügeln Majestät", antwortete Rainer."Die Einheimischen
nennen sie gestreifte Baumerdbeere", ergänzte Sören schnell.
"Das ist ja entzückend", freute sich die Gattin des Königs, während
dieser gutmütig vom Nachbarthron lächelte. "So zeigt mir das schmackhafte
Früchtchen auf das ich es in Augenschein nehmen kann". Auf einem silbernen
Tablett wurde eine gestreifte Baumerdbeere hereingetragen und die versammelten
im Salon verstummten. Keiner der Anwesenden hatte je eine solche Frucht gesehen.
Als erstes brach die Königin den Mantel des Schweigens.
"Ich vermisse die Streifen. Sagtet ihr nicht es sein eine gestreifte
Baumerdbeere?"
-"So wird die Frucht von den Einheimischen genannt. Eine dumme
Angewohnheit- nehme ich an", antwortete Sören verlegen.
"Merkwürdig, findet ihr nicht?". Der König nickte mit gespieltem
Erstaunen. Da meldete sich einer der fünf ehrwürdigen Weisen zu Wort. Die
ehrwürdigen Weisen durften in unmittelbarer Nähe zum Thron stehen und
außerdem einen Bart tragen.
-"Majestät, es ist durchaus denkbar, daß im Laufe der Zeit eine Frucht in
ihren biologischen Eigenschaften gewisser äußerlicher Merkmale , will sagen
Kennzeichen..."
"Ja, ja " unterbrach ihn die Königin." So taucht die Frucht in
meinen Cocktail und bittet darum daß es mir schmecke". Gebannt verfolgten
Sören und Rainer die Gesichtszüge der Königin. Schließlich hing ihre
Karriere bei Hofe davon ab und dummerweise hatten sie es versäumt die
gestreifte Baumerdbeere vorher zu probieren. Doch die Königin begann wohlig zu
lächeln. Rainer und Sören schauten sich erleichtert an. Zum erstenmal
empfanden sie so etwas für Sympathie für einander, zumindest Sören für
Rainer.
"Ihr habt mich nicht enttäuscht. Die perfekte Ergänzung zu meinem
Cocktail. Es hat etwas blumiges, vertraut und doch fremd. Ich möchte es
vergleichen mit Blütenextrakt in Ingwer, nein vielleicht doch etwas
herber..."
Den weiteren Ausführungen der Königin schenkte keiner der Anwesenden mehr
Gehör, denn alles konzentrierte sich auf die farbigen Streifen in ihrem
Gesicht. Diese waren nun deutlich sichtbar hervorgetreten und ließen sie recht
eigentümlich aussehen. Doch da keiner der Gäste und Höflinge den Mut
aufbrachte die Königin darauf aufmerksam zu machen und dem König nichts
auffiel, waren die beiden Anführer schon außer Landes als die Königin am
Abend vor dem Spiegel der Streifen gewahr wurde.
Was nun aus Sören und Rainer nach ihrer Flucht geworden ist, wird von den
finnischen Geschichtsschreibern bis zum heutigen Tage hartnäckig verschwiegen.
Selbst Pater Lex stellt in seinem Zyklus Weltgeschichte im Kapitel 23 auf Seite
12 nur die Vermutung an:"...wahrscheinlich sind sie in ein Nachbarland
geflohen...". Mehr ist dem alten Lex, der leider viel zu früh verstarb, um
uns persönlich noch etwas mitteilen zu können, nicht zu entlocken. Er
konzentriert sich mehr auf das Schicksal der gestreiften Baumerdbeere. Dazu
heißt es in "Finnische Früchte":...Die Frucht konnte leider keinen
Siegeszug antreten. Sie wurde vom adligen Klientel nicht angenommen und geriet
schnell in Vergessenheit"
© B. Brandl