Fanny Price und das Antischuppenshampoo ! 

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Warum jede Frau Ihr eigenes Bad haben sollte! 

von Uta Kruse 

aus "Die Zeit", Nr. 33, 12.08.00

 


Er nahm Sie bei der Hand, er führte sie zu Ihrem Stuhl zurück und war schon mitten in seiner Liebeserklärung, bevor sie noch recht begriff, warum er sie zurückgehalten hatte.

Nicht nur mein Herz, auch das Badewasser gerät in Wallung. Ich rutsche tiefer in die Wanne und halte das Buch in trockener Höhe über der Brandung. Würde Fanny Brice den schneidigen Henry Crawford erhören? Konnte sie dem Reumütigen nicht doch noch eine Chance geben? Mit tropfenden Fingern blätterte ich um.

Doch er redete weiter, gestand ihr seine Liebe, hoffte auf Ihre Gegenliebe und bot ihr schließlich in so klaren Worten, dass selbst sie nicht an ihrem Sinn zweifeln konnte, sein Herz, seine Hand, sein Vermögen an.

Meine Seufzer drückten Höhlen ins Schaumgebirge. Die gute alte Fanny. Will sie Crawford wirklich einen Korb geben, nur weil sie mehr für ihren Cousin, einen hausbackenen Jungprediger, schwärmt? Hat Crawford ihr nicht mehr zu bieten als dieser Warmduscher, der nur auf seine Pfründe wartet?

Das Buch in der Hand, greife ich mit der anderen nach dem Edelstahlhebel an der Wand, um eine warme Strömung unter meine Beine zu leiten. Die Vorratsflasche Babyöl klatscht auf das Wasser. Das Antischuppenshampoo stolpert hinterher und reißt den Windelstapel mit. Die Flaschen treiben in meiner Badewanne wie Müll im Hafenbecken. ich wische die Tropfen von Henry Crawfords Liebesschwur.

Die Windeln beginnen zu sinken, als Sir Thomas, Fannys Onkel, den Raum betritt. Sie aber flüchtet ins Ostzimmer wo sie in der äussersten Verwirrung widerstrebender Gefühle unruhig umherwandert. Fanny bebte am ganzen Körper, während sie ihre Gedanken... boing. Ein dumpfer Schlag erschüttert die Badezimmertür. Boing, boing, boing. Das klingt nach meinem Sohn und seiner Planierraupe. Kannst du aufmachen? höre ich meinen Mann gegen die Badezimmertür sprechen. Samuel braucht seinen Abschleppwagen. Ich brauche meine Ruhe!- Guck doch mal auf der Heizung! Neben der Badewanne parken Matchboxautos zwischen den Rippen des Heizkörpers...

Sollten wir mal zu Geld kommen, lasse ich ein Badezimmer ganz für mich allein einrichten. Ein verkehrsberuhigter Raum mit absolutem Verbot für Matchboxautos. Mit einer Wanne, an deren Rand zartrosa Muscheln wie angeschwemmt liegen. Mit einem Korbsessel, über den sich die Seide eines Morgenmantels ergießt. ...Meine Lieblingsbücher stünden auf einem weiß lasierten Bord über dem Korbsessel.  Diese Badebüchersammlung gibt es schon. Sie lagert im Arbeitszimmer- sozusagen im Trockendock. Literatur die mit ins Wasser darf muss am Meer spielen (E. Annie Prouxl- Schiffsmeldungen oder Manfields- Erzählungen an der Bucht).

Die Erlebnisse mit meinem Sohn  erninnern mich an meine Teenagerzeit hinter der Badezimmertür. Damals waren es die älteren Schwestern, die durch meine Intimsphäre latschten. Was schließt du denn ab? Bei dir ist sowieso nichts wegzugucken.

Schon damals tröstete ich mich mit Weltliteratur. Daran erinnern die Wasserzeichen in den alten Ausgaben. Siddharta klebt in der Mitte zusammen, weil ich in meiner Hesse-Phase Orangenöl in die Badewanne gekippt habe. Die gesammelten Werke von Jane Austen tragen eine knittrige Dauerwelle.. In Mansfieldpark sind die Seiten mit Henry Crawfords Heiratsantrag ganz brüchig. Wieder und wieder musste ich lesen, wie der einstig Frauenheld in den Sog seiner Liebe zu Fanny Price gerät. In solchen Momenten war der Schaum an meinem Schlüsselbein der Kragen eines Empirekleides. Und seiner Majestät Schaluppe, auf der Fannys Bruder William zur See fährt, trieb neben meinen Knien. Es war das Schuppenshampoo, das nun hart gegen Westindien kreuzte.

Gegen ein Seegefecht hat auch mein Sohn nichts einzuwenden. Das einzige Buch, das man dabei in seiner Nähe liegen lassen darf, ist ein schaumstoffgepolsterter Plastikleporello mit Bildern. Nach der Wasserschlacht dringt sein Ruhm bis in die Nachbarschaft. Noch Tage später sind alle Wattestäbchen klamm.

Was ist aus dem Bad meiner Single-Tage geworden, dieser Luxustherme für die Seele? Wie hat sich dieser Ort verändert, an dem ich im Kerzenschein am Bourdeaux nippte und ein langer Arbeitstag ins Wasser glitt? Nur ein friedliches Schwappen war zu hören. Heute scheppert mein Föhn über die Mamorplatten, weil Samuel damit Nachlaufente spielt. Als ich ihm hinterher renne, rutsche ich auf einer Time Complex Moisture Cream von Elizabeth Arden aus und paniere mir den Po in einer Wanderdüne aus dem Sandkasten. Meine Zahnseide dient als Angelschnur und die Klobürste als Staubwedel.

Hätte ich ein eigenes Bad, würde ich es nach dem Putzen versiegeln lassen. So eine Plakette käme an die verschlossene Tür, wie die Kripo sie nach Spurensicherung an die Wohnungstür klebt. Nur das ich keine Spuren sichere, sondern sicherstellen will, dass es keine Spuren gibt. Ich hasse fremde Haare in  meinem Kamm und Kalkkrusten an der Wannenwand.

Fanny Price- da bin ich mir sicher- hätte es gut getan, nach den Heiratsanträgen eines langen Tages in meinem Anti-Stress-Bad mit Sandelholz zu liegen. Vielleicht hätte sie einen Science- Fiction Roman, der im Jahr 2000 spielt, zur hand genommen und die Zeit genossen, in der weder ein Prediger noch seine Brut über ihr liebste Zimmer herfallen.